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Spanische Nächte

06.02.2012
Sinfonieorchester "Tonart" mit Bothe-Uraufführung in Heidelberg

Von Rainer Köhl

Nun hat der "Arabische Frühling" auch in der Musik Eingang gefunden: der junge Komponist Sebastian Bothe hat der Volksbewegung im arabischen Raum eine klingende Hommage gewidmet: "Der Tahrirplatz". Das Stück für großes Orchester wurde nun vom Sinfonieorchester "Tonart" in der Heidelberger Stadthalle unter Leitung von Stefan Ottersbach uraufgeführt.
Mag sein, dass die Klangwelt von Schostakowitsch hier Pate gestanden hat, jedenfalls erinnert das Werk in Idee und Klanggestalt an den Russen: in ihren Wechseln aus Trauer und kämpferischem Elan, in der Konfrontation von Burleskem und Tragischem. Mit dunkel expressiven Trauergesängen und Weltverlorenheitsgesten begann das Stück, und aus Trauer formierte sich bald Widerstand, in Marschrhythmen.
Sehr souverän weiß der 1987 geborene Kompositionsstudent von Prof. Sidney Corbett (Mannheim) die kompositorischen und orchestralen Mittel einzusetzen, um eine bewegende Geschichte zu erzählen mit machtvollen Ballungen und gewaltigen Aufschreien, kontrastreich aufgelockert durch finster burleske Episoden. Beredte Kontrapunktik und kühne Harmonik in einem sehr sicher und wirkungsvoll eingesetzten großer Klangapparat kennzeichneten die farbenreiche und entschlossen musizierte Wiedergabe, die am Ende lebhaften Beifall fand.
Klänge aus der halben Welt dominierten dieses farbenreich und apart zusammengestellte Programm. In Piazzollas "Tangazo - Variationen über Buenos Aires" entstand zwischen Melancholie und Vitalität, trauernden Streicherklängen und lebhaften Klängen ein farbenreiches Panorama der Metropole. Ein Spiel voller Schönheit und Sehnsucht, aber auch voller Lebenslust und Tangofeuer ließ "Tonart" erstehen, erfüllt von den percussiven Geräuschen, Farben und Stimmungen.
Nicht minder kunterbunt ging es eingangs in Brittens "Kanadischem Karneval" zu. Wie ein nächtlicher Spuk zog diese reizvolle Musik vorüber, ähnlich der "Posthorn-Episode" im Kopfsatz von Mahlers 3. Sinfonie. Elegische Bläsersignale und Naturlaute zeichnen eine irreale Szenerie.
Eine exotische Klangatmosphäre anderer Art bereitete die "Carmen-Fantasie" für Kontrabass und Orchester von Frank Proto. Mit ornamentreichen, arabisch getönten Flamenco-Melodien führte Michael Schneider am Kontrabass ein in die Szenerie, bevor er die Melodien der Carmen walzerselig ertönen lässt.

Marsch für die Freiheit

02.02.2012
Klassik: Tonart-Orchester in der Mannheimer Christuskirche

Marsch für die Freiheit

von Monika Lanzendörfer

Sie weichen weit vom Pfad des Üblichen ab und bauen ihr Programm für Mannheims Christuskirche vorwiegend aus Raritäten zusammen. Das Sinfonieorchester Tonart Heidelberg und sein Dirigent Stefan Ottersbach beherrschen die Kunst der Selbstdarstellung; um das zu demonstrieren, suchen sie sich Werke aus, die den Instrumentengruppen und Solisten ein breites gestalterisches Repertoire abverlangen. Dazu gehören auch Borodins "Polowetzer Tänze". Sie dienen als Ausweis für sprühendes Temperament und Präzision. Und als Dank für den begeisterten Applaus.

Farbenfrohe Brillanz
Benjamin Brittens "Kanadischer Karneval" spricht Klangregisseure an, die sich auf farbenfrohe Brillanz verstehen. Es wird sich im Verlauf des Konzerts zeigen, dass die Streicher und Bläser jeden Stimmungs- und Lichtwechsel mittragen. Die "Carmen-Fantasie" von Frank Proto zum Beispiel setzt eine gehörige Portion Humor voraus, denn sie bürstet die Opern-Melodien von Bizet frech gegen den Strich. Dem Heidelberger Kontrabassist Michael Schneider macht es sichtlich Spaß, aus den verfremdeten Ohrwürmern Schräges und Zartes herauszukitzeln.
Darum geht es letztlich auch in Astor Piazzollas "Tangazo" mit dem Untertitel "Variationen über Buenos Aires". Die seidigen Violinen, die Holzbläser und vor allem die Schlagzeuger schaffen prickelnde Atmosphäre. Zweifellos kennt der 1987 geborene Komponist Sebastian Bothe die Stärken des Liebhaberorchesters, denn er stützt sich in seinem Trauergedicht "Der Tahrirplatz" auf starke Kontrastwirkungen. Es ist dem Arabischen Frühling gewidmet und den Menschen, die sich für Freiheit und Gerechtigkeit einsetzen.
Die Uraufführung macht die blockartige Gliederung der Komposition auf Anhieb durchschaubar. Bedrohliche Spannung und Eskalation lösen einander ab. Der Gewaltmarsch endet mit dem leise ausklingenden Gesang einer einsamen Klarinette. Analyse und plastische Deutung gehen Hand in Hand.

Dem Neuen gegenüber aufgeschlossen

04.01.2012
Das Porträt: Heidelberger TonArt-Orchester kooperiert mit Kompositionsprofessor Sidney Corbett und ebnet jungen Tonschöpfern den Weg

Dem Neuen gegenüber aufgeschlossen

(von Eckhard Britsch)


Immer wieder nimmt einen der Enthusiasmus gefangen, mit dem das TonArt-Orchester aufspielt. Denn zur Frische der Empfindung gesellt sich ein beachtliches spieltechnisches Niveau, das den Klassikern zugutekommt, vor allem aber auch durch die stete Beschäftigung mit aktuellen Kompositionen geschärft wird. Denn das TonArt-Orchester Heidelberg e.V., so der offizielle Titel mit Hinweis darauf, dass die Stadt Heidelberg das Ensemble unterstützt, bietet unter Leitung von Universitätsmusikdirektor Stefan Otterbach (Justus-Liebig-Universität Gießen) das Besondere: In jeder Semesterspielzeit wird die Komposition eines jungen Komponisten uraufgeführt.

Das ist eine ungewöhnliche Herausforderung, der sich die rund 80 Spieler mit hohem Anspruch und semiprofessionellem Niveau gerne, ja, so der Eindruck, lustvoll stellen. Denn es wird keine beliebige Konfektion präsentiert, sondern das Orchester kooperiert sehr eng mit Sidney Corbett, Professor für Komposition an der Mannheimer Musikhochschule. Dessen strenger Anspruch ist Garant für sinfonische Qualität der ausgesuchten, neuen Werke. Und das TonArt-Orchester verfügt dadurch über ein "Alleinstellungsmerkmal" unter den Liebhaberorchestern in Deutschland, das ihm die Auszeichnung "Neue Musik - Konzertförderung" einbrachte.

Gemeinsame Ziele
Wer macht mit? Etwa hälftig Studenten und Berufstätige, und das Alter variiert von "17 bis unendlich", wie Sarah Melzer, Geigerin und derzeit Doktorandin der Neurowissenschaften, mit leichtem Schmunzeln erzählt. Das gemeinsame Ziel lässt sich mit "Musik machen" sehr einfach beschreiben, dienstags wird jeweils zweieinhalb Stunden geprobt, dazu kommen vier Probewochenenden pro Jahr. Seit Gründung des Klangkörpers 1998 hat sich das Orchester der großen sinfonischen Literatur angenommen, von Brahms bis Bruckner, Tschaikowski bis Strawinsky, Mahler bis Messiaen, um nur einige zu nennen. Ausgewachsene, anspruchsvolle Literatur, deren Realisierung aber immer wieder Freude macht: bei den Musikern und bei den Hörern.

Im Jahr 2006 kam eine glückhafte Verbindung zusammen. Sidney Corbett baute in Mannheim eine Kompositionsklasse auf ("ich bin sehr streng") und will seither gemeinsam mit Stefan Ottersbach den jungen Komponisten die komplexe Erfahrung mit einem Orchester ermöglichen. Die Prozesshaftigkeit während der Proben, der handwerkliche Einfluss, das Abgleichen von Idee und Orchester-Wirklichkeit: Alles soll in einen kommunikativen Vorgang münden, der dem Orchester künstlerisch wertvolle Erfahrungen auch spieltechnischer Natur einbringt, und einen jungen Komponisten zur Einsicht in real existierende Notwendigkeiten zwingt. "Komponist und Orchester, das ist eine komplexe Erfahrung", so Corbett, denn "Orchester können auch Haifischbecken sein".

Zum Beispiel im Januar 2010, als das Stück "Messy Tessy" von Kian Geiselbrechtinger, der jetzt in Köln lebt und dem Corbett attesttiert: "Er macht seinen Weg", uraufgeführt wurde. In einer Kritik wurde unter anderem angemerkt, dass Geiselbrechtingers dreisätziges Werk "frisch und unideologisch" wirke, "motorische Impulse" aufnehme und im Finale "heiter, entspannt und ohne Scheuklappen" daherkomme. Das neueste Werk wird die Uraufführung "Der Tahrirplatz" des 1987 geborenen Sebastian Bothe beim Semesterkonzert Ende Januar sein, das einen politischen Anstoß für die Komposition aufnimmt. In die Region hineinwirken ist ein Anliegen dieser Kooperation zwischen Orchester und Kompositionslehrer, wobei Corbett viel zu bieten hat: "Ich habe Glück mit meiner guten, internationalen Kompositionsklasse." Wie viel an Zeit benötigt es, so ein Stück umzusetzen? Mindestens ein halbes Jahr, "ich plane langfristig, bin fast ein Intendant", so Corbett, denn "ich will die Studenten in eine professionelle Situation bringen". Dazu nutzt er sein Netzwerk, als etwa im August 2011 in Osnabrück sechs Kurzopern seiner Studenten, darunter von Bothe und Geiselbrechtinger, vorgestellt wurden.

Neben dem Bothe-Stück spielt das TonArt-Orchester noch Werke von Alexander Borodin ("Polowetzer Tänze"), Frank Proto ("Carmen"-Fantasie für Kontrabass und Orchester), Astor Piazzolla ("Tangazo"-Variationen) und Benjamin Britten ("Kanadischer Karneval"). Auch diese Werkauswahl zeigt den Anspruch, "nicht nur die üblichen Stücke zu machen", so Sarah Melzer. Hört sich spannend an und ist es auch, wie die vergangenen Konzertauftritte belegen.

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Lautes Getöse signalisiert nicht immer Freude und Sieg

26.07.2011
„TonArt“-Orchester mit Tschaikowsky, Ravel und einer Uraufführung von Florian Lepold in der Heidelberger Stadthalle

Von Gerd Kowa

Müssen junge Amateur-Orchester unbedingt große Sinfonien aufführen? Müssen sie nicht damit rechnen, dass ihnen Hybris unterstellt wird? Ja und?
In der Heidelberger Stadthalle präsentierte das Sinfonieorchester „TonArt“ Tschaikowskys „Fünfte“. Das Publikum, das sich zu 70 Prozent aus Studenten rekrutierte, war begeistert. Wunderbar: viele junge Menschen im Konzertsaal. So sollte es immer sein.
TonArts „Fünfte“ war ein großer Wurf. Von Dilettantismus keine Rede. Zirka 80 Musiker musizierten auf den Stuhlkanten. Im Gegensatz zu routinierten Profis wurden die frischen Feierabendmusiker von Tschaikowskys geheimnisvoller Seelengeschichte ergriffen.
Dem Dirigenten Stefan Ottersbach, der seit Herbst 2007 das TonArt-Orchester leitet, gelang es, die schizophrene Atmosphäre des Werkes bereits zu Beginn des ersten Satzes anzudeuten. Nahezu lyrisch-sanft begleiteten die Streicher die Holzbläser, die die Leitmotive der Sinfonie so inniglich und kantabel vorstellten, dass man gleich weinen oder wenigstens schluchzen mochte.
Trotz seiner Suizid-Gefühle hatte Tschaikowsky Lust aufs Leben. Er zählte seine Pulsschläge und stellte fest, dass er nicht unter Rhythmusstörungen litt. Da hatte er, um sich hoffnungsvoll zu stimmen, eine tolle Idee: Ticktack-Ticktack machte das Herz. Und mit Ticktack sollten die Streicher den Takt und die Geschwindigkeit angeben und die Bläser auffordern, fröhlich zu singen. Ihre Gesänge sind trotz ihrer Heiterkeit Ableger der melancholischen Melodien des Anfangs oder gar Botschafter aus der Unterwelt apokalyptischer Visionen und grauenhafter Albträume.
Das Hornsolo des Andantes mutete wie eine melancholische Arie an. Im Scherzo, dem dritten Satz, bewunderte man das lebendige Spiccato der Violinen. Im Finale explodierte das Orchester und feierte die Wiederentdeckung der verlorenen Hoffnung. Triumph, Triumph. Aber Vorsicht: lautes Getöse signalisiert bei Tschaikowsky nicht immer Freude und Sieg, sondern auch Schmerz, Trauer und Verzweiflung. Man denke an die „Pathetique“. Otterbachs Inszenierung war jedenfalls authentisch und mitreißend.
Außer Tschaikowskys „Fünfter“ gab es Ravels „Valses nobles et sentimentales“, wobei man einige intonatorische und rhythmischen, Probleme bemerkte.
Dazwischen gab es noch eine Konzertouvertüre des Heidelberger Komponisten Florian Lepold als Uraufführung. Bislang hat Lepold hauptsächlich Kirchenmusik und Stücke für Brassbands komponiert. Zum ersten Mal komponierte er nun ein sinfonisches, spätromantisch stilisiertes Werk.
Lepold ist ein hochtalentierter und feinsinniger Tonsetzer, ein Künstler, dem es gelingt, Instrumentierung und Klangfarben seinen Melodien und Ideen rhythmisch und harmonisch anzupassen. Das muss gelernt sein. Lepold sollte auf jeden Fall tapfer weiter komponieren und eifrig die Alten studieren. Ohne Wissen keine Chance. Zum Vergleich: Picasso hatte Renaissance-Malerei studiert, bevor er die braven Bürger des 20. Jahrhunderts mit seinen kühnen Arbeiten vom Hocker riss.

Stilles und fröhliches Totengedenken

09.02.2011
Studierende aus der Kompositionsklasse Prof. Sidney Corbett beauftragt das Sinfonieorchester Tonart Heidelberg in jüngster Zeit mit schöner Regelmäßigkeit zu einer neuen Komposition. Mit "Drei Elegien" von Harold A. Bedoya gelangte einmal mehr faszinierende Musik zur Uraufführung beim jüngsten Konzert in der vollbesetzten Heidelberger Stadthalle. In seinem dreiteiligen Werk hat sich der junge kolumbianische Komponist mit dem Tod auseinandergesetzt. Einem jung verstorbenen Verwandten ist die erste Elegie gewidmet. Ein liebliches Idyll, von schönen Stimmungen und aparten Farbkombinationen durchzogen, aber auch mit indianischen Trommelriten belebt. In Lateinamerika ist der Totenkult ein ganz Besonderer, und Heiterkeit, Fröhlichkeit wird dabei nicht ausgeschlossen. Das war im ersten Stück deutlich zu hören, mehr noch aber in der dritten Elegie, welche dem Gedenken an die namenlosen Toten in kolumbianischen Massengräbern gewidmet ist. Eine Art klingenden magischen Realismus lateinamerikanischer Provenienz entwirft dabei der Komponist. Quirlig burleske Abschnitte wechseln mit dramatisch Aufgewölbtem und ereignisreichen Verdichtungen, in dessen Verlauf sich auch mal ein Marsch à la Mahler auf den Weg macht. Geheimnisvolle Pianissimo-Passagen haben das letzte Wort, und besonders eindringlich wirken die dumpf-leisen "Trommelschläge" des gezupften Kontrabass am Ende: ein stilles Totengedenken. Tiefe Wirkung hinterließ aber auch die zweite Elegie, eine knappe Klage von großer Stille, worin die solistisch hervorgehobene Harfe besonders aparte Aufgaben erfüllt. Eindrucksvoll komponiert und raffiniert orchestriert ist das ganze Werk, wofür der Komponist am Ende lebhaften Beifall erhielt.

Unter der Leitung von Stefan Ottersbach ließ das Sinfonieorchester Tonart eine treffliche Leistung hören und zeigte danach ganz erlesene Klangkunst bei Ottorino Respighis "Fontane di Roma". Dabei imponierte der Klangkörper mit großer Eleganz des Klingens und Gestaltens, mit schmiegsamen Ornamenten der Holzbläsersoli, feinem Duft und exquisit ausgehörten Farbübergängen. Daneben zeigte das Orchester und sein Leiter aber auch bestes Gespür für das Rauschhafte, klangsatt Wogende. Wohlig gerundete, klangsatt orgiastische Tuttiklänge, dazwischen reich gestufte Nuancen und geschmeidige Übergänge besorgten ein höchst eindrucksvolles Klangfest. Wunderbar abschattierte, seidig impressionistische Pianoklänge und exzellente Bläser garantierten ein Klangerlebnis von höchst professionellem Niveau.

Dagegen ging es bei Dvoraks abschließend musizierter 7.Sinfonie eher deftig und rustikal zu und das klang dann längst nicht mehr so ausgefeilt wie zuvor. Ottersbach liebt den dramatischen Zugriff und so gab er auch Beethovens eingangs gespielter "Egmont"-Ouvertüre mächtig Zunder, brachte leidenschaftlich erfüllten Sturm und Drang hinein, großen Schwung mit straffen Tempi.
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