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Meditativ wogende Klangbänder

25.07.2014
Um Betrachtung frei von Subjektivität geht es der chinesischen Komponistin Quiyue Jin in ihrem Orchesterwerk „In meiner Stimmung, ohne mich", das nun vom Tonart Orchester in der Heidelberger Stadthalle uraufgeführt wurde.
Knappes Tonmaterial hat die junge Tonsetzerin, die an der Mannheimer Musikhochschule bei Sidney Corbett Komposition studiert, in ihr Werk aufgenommen.

Ruhevoll wogende Klangbänder, ostinate Wendungen, wohlgetönte Melodien geben den Ton an: in den kreisenden Skalenbewegungen der Streicher (1. Satz) ebenso wie im zweiten Satz, worin die Bläser ruhige Naturlaute intonieren.
Motive der traditionellen chinesischen Musik spielen immer wieder herein: in den Glissando-Motiven der Streicher etwa, die expressiv gesteigert wurden zu rhythmischen Ostinati, oder in den Sekundreibungen des Folgenden.
Minimalistische Motive variiert Quiyue Jin immer wieder, weitete diese aufs ganze Orchester aus in dichter Polyphonie.
Dabei hatte das Schlichte und Meditative ebenso seinen großen klanglichen Reiz wie das Expressive und Vitale, das sich in vielgestaltigen Klängen hochbauscht. Das war trefflich musiziert.

Begonnen wurde der Abend mit Dvoraks Tondichtung „Der Wassermann" Chefdirigent Knud Jansen baute mit dem bestens disponierten Orchester schwelende Spannungen im Ruhevollen auf, erweckte zauberische Stimmungen und delikate Klangnuancen.
Ruhevolle Bläser erzeugten eine andächtige Stimmung, inspirierte Lyrismen flossen aus den seidigen Streichern.

Mit der 5. Sinfonie B-dur von Alexander Glasunow kam am Ende noch ein rares Werk ins Programm, dessen Aufführung sich sehr lohnte.
In Hochstimmung brachte das Tonart-Orchester den Kopfsatz mit euphorischem Schwung und üppig blühender Melodik samt ihren reichen Wagnerismen.

Im Andante wagnert es ganz besonders, hörte man zauberische Klangwirkungen in strömendem Melos, pastos ausgemaltem Farbenreichtum und tristanesker Atmosphäre.
Vergnügte Stimmung brachten die Musiker zuvor in das quirlig und wie am Schnürchen laufende Scherzo.
Effektvoll zündend, mitreißend und immer präzise musizierte das Orchester das Finale, das bisweilen Bernstein vorwegzunehmen schien in den schmissig synkopierten „jazzigen" Rhythmen.
Ein guter Teil Tschaikowsky-Rausch war freilich ebenso drin zu hören, vor allem bei den schmetternden Trompeten und beim Dschingdarassabumm der Schlagzeuger Ein orgiastisches Spektakel, an dem die Musiker und ihr Dirigent ebenso ihren Spaß hatten wie das Publikum.
Für den großen Beifall bedankte man sich mit einem schwungvollen Tango.

Rainer Köhl

(Rhein-Neckar-Zeitung, 25.07.2014)

Ambivalente Stimmungen

13.02.2014
Was Hypnose doch alles bewirken kann. Die empfindsame Seele des jungen Sergej Rachmaninow hatte gelitten, weil ihn nicht alle Welt ob seiner Kompositionen umarmte. Doch ein Wunderheiler gab ihm den Glauben ans Ich zurück, wodurch 1901 das zweite Klavierkonzert in c-Moll entstand. Ein Stück, das zwischen süffiger Melancholie und aufwölbendem Pathos pendelt und den Ohren wohl tut.
Vor allem dann, wenn es so schön gespielt wird wie vom TonArt-Orchester unter Leitung von Knud Jansen mit der ausgezeichneten Solistin Kimiko Imani, die mit Geschmack und Gespür die stimmungshaften Valeurs des Klavierparts auslotet. Das Orchester steuert partnerschaftliches Spiel bei und hinterlässt dabei einen kompetenten Eindruck.
Zuvor präsentierte der Klangkörper als beredter Anwalt die zehnminütigen "Versteckte Dimensionen" von Alessio Elia, der zeitweise bei Sidney Corbett studierte. Elia beschäftigt sich mit theoretischer Physik, und seine Musik zeichnet die Spuren und Streuungen kleinster Teilchen und versteckter Dimensionen nach. Die Partikelschauer schlagen sich in hoch differenzierten Feinheiten nieder, die Überlagerungen und Interferenzen erzeugen. Die Uraufführung beeindruckte.
Die 1945 entstandene neunte Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch ist politisch zu verstehen. Sein Leiden am Bösen im Menschen kleidet er in Brechungen heroischer Klänge, die von ihm erwartet wurden. In knapper Diktion, vom Orchester präzise und durchlichtet aufgestellt, biegt er Assoziationen bis zur Groteske. Vielleicht wollte der Komponist mit seiner musikalischen Maske siegestrunkene Betonköpfe demaskieren: Es gibt keinen Sieg, nur Opfer, könnte die hintergründige Botschaft lauten. TonArt hat für den großen Beifall natürlich eine Zugabe im Gepäck. Schostakowitschs freche Bearbeitung von "Tea forTwo", der Tahiti-Trott. Seine Version entstand 1927 binnen 45 Minuten, und das Orchester tummelt sich spürbar froh im instrumentalen Raffinement.

Eckhardt Britsch

(Mannheimer Morgen, 13.02.14)

Sinfonieorchester auf der Suche nach der elften Dimension

13.02.2014
"Versteckte Dimensionen" nannte Alessio Elia sein jüngstes Orchesterwerk, das in Uraufführung beim Konzert des Sinfonieorchesters TonArt in der Heidelberger Stadthalle erklang. Der 1979 in Rom geborene Komponist, der in seiner Heimatstadt studierte und danach mehrere Graduiertenkurse besuchte, darunter auch bei Sidney Corbett in Mannheim, ist längst ein Meister seines Fachs. Komposition unterrichtet er selber schon, und sein jüngstes Orchesterwerk wurde kürzlich beim Wettbewerb des Ungarischen Forums für Neue Musik mit dem Ersten Preis ausgezeichnet.
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse setzt Elia immer wieder in seinen Kompositionen um. Für seine neuesten Werke spielt die Quantentheorie eine besondere Rolle und ebenso die M-Theorie sowie Stringtheorie, welche für unsere Welt 11 Dimensionen postulieren.
Tief in den Mikrokosmos des Klingenden begab sich Elia in seinen "Dimensioni nascoste". Ein meisterlich gearbeitetes Werk mit erlesen ausgehörten mikrotonalen Klängen: Ruhig schwebende Klangwolken in zart getönten, wechselnden Farbkonstellationen tönten dabei, im Inneren filigran ausgearbeitet mit ruhig bewegten, gleitenden und arpeggierten Linien.
Sanft oszillierende, gleißende Klänge, hauchfeine Flageolletttöne ergaben ein zart bewegtes, schwebendes Kontinuum von gleichsam hörbarer und unhörbar schwingender Materie. Sehr konzentriert und klanglich ausgefeilt musizierte das Orchester unter seinem Leiter Knud Jansen.
Rachmaninoffs Zweites Klavierkonzert folgte, und hier beeindruckte TonArt mit einem warmen, durchaus edlen Klang, den die sehr homogen musizierenden Streicher entwickelten. In einem Laienorchester kann man nicht immer alles haben, so fehlte es jetzt an guten Holzbläsersolisten.
Tiefe Ruhe ließ der Dirigent durch das Werk atmen, und davon erfasst war auch das Spiel der Solistin Kimiko Imani. Große Eleganz, Souveränität und ruhevolle Schönheit brachte sie in ihren Part, gestaltete dabei gerne träumerisch, ebenso in den sensibel ausmusizierten Dialogen mit dem Orchester. Mit einer ausgezeichneten Technik erfüllte sie die filigranen Intarsien und Ornamente ihres Parts und wusste sich auch gegen das bisweilen großzügig aufrauschende Pathos des Orchesters trefflich zu behaupten. Sehr romantisch verklärt tönte ihre Scarlatti-Zugabe.
Die 9. Sinfonie Es-Dur von Schostakowitsch war das Hauptwerk nach der Pause: Humoristisch aufgeweckt ließ das Orchester diese beginnen und ungeheuer lustvoll. Wunderschön ausgesungene Elegien eröffneten die Musiker im langsamen Satz, der von tiefen Klagegesten und einem beredten Fagott-Solo erfüllt war.
Kräftig auftrumpfende Burlesken gaben daneben den Ton an, beherzte Steigerungen entwickelte das Orchester unter dem umsichtig-agilen Dirigat von Knud Jansen: lustvoll galoppierende Geschwindmärsche und temporeich davonpreschende Virtuosität sorgten dabei für bestes orchestrales Vergnügen. Für den begeisterten Beifall gewährte TonArt noch eine launige Zugabe: Schostakowitschs "Tahiti Trott".

Rainer Köhl

(Rhein-Neckar-Zeitung 13.02.14)

Die Mischung macht`s - Konzertankündigung in der RNZ

10.02.2014
Auf der Suche nach einem ambitionierten Orchester mit einem Konzertprogramm, das nicht alltäglich ist? Schon die Proben von „TonArt Heidelberg“ klingen vielversprechend: Hörner, Posaunen, Geigen, Tuba und Celli von rund 80 Musikern erschallen in der Stadt – jeder hat mit seinem Instrument eine eigene Stimme. Das Sinfonieorchester lädt zu einem Konzert der ganz besonderen Art am Montag, 10. Februar, um 20 Uhr in die Heidelberger Stadthalle.
In der Kulturlandschaft der Region haben sich die jungen semiprofessionellen Künstler aus dem Umfeld der Heidelberger Universität längst einen Namen gemacht. Pro Semester gibt es eine Aufführung in der Stadt (und eine in Mannheim) und längst überraschen sie regelmäßig in jeder Spielzeit ein begeistertes Publikum durch das Arrangement historischer Kompositionen mit einer sinfonischen Uraufführung zeitgenössischer Musik - wofür es auch schon außergewöhnliche Auszeichnungen vom „Bundesverband Deutscher Liebhaberorchester“ gab. „Verankerung und Vermittlung zeitgenössischer Musik ist für uns wichtig. Alt und neu steht bei uns im Kontext und das macht uns einzigartig in Heidelberg“, betont Orchestermitglied Veronika Grosse-Holz stolz.
Nun präsentiert „TonArt“ unter der Leitung von Dirigent Knud Jansen und mit Klavier-Solistin Kimiko Imani Werke von Dimitri Schostakowitsch (Neunte Sinfonie) und Sergej Rachmaninoff (Zweites Klavierkonzert). Und: Der renommierte italienische Komponist, Pianist und Forscher Alessio Elia zeigt in deutscher Erstaufführung das inzwischen international preisgekrönte Neue-Musik-Werk „Versteckte Dimensionen“ (Dimensioni nascoste).
Soviel sei schon mal verraten: Das Klangmaterial des Stückes vereint intensive Gegensätze, inspiriert von wissenschaftlichen Themen wie etwa Stringtheorie, M-Theorie und Quantenphysik. Für die Gäste des Abends wird es von Alessio Elia und dem Heidelberger Buchautor Markus Imbsweiler eine Werkeinführung geben.
Bei der Auswahl der Werke wirkt übrigens Sidney Corbett mit. Der ist seit 2006 Professor für Komposition an der Mannheimer Hochschule für Musik und auch Leiter des Forums für Neue Musik. Er betont die Bedeutung klassischer Musikschul-ausbildung für neue Musik.
Bis zu zehn Schüler seiner Klassen und Absolventen arbeiten mit dem Sinfonieorchester „TonArt“ zusammen. Über ihn kam auch der Kontakt mit Alessio Elia zustande.

Maria Stumpf

(Rhein-Neckar-Zeitung, 10.02.14)

Allerlei Ausrufezeichen von spröde bis süffig

26.07.2013

In diesem Stück dürfen alle, einschließlich der Harfenistin, ran und zeigen, was sie drauf haben. Da schmettert das Blech, die Holzbläser zeigen Farbe und der Streicherapparat funktioniert intensiv. Das musikalische Ausstellungsstück stammt von Johan Halvorsen (1864-1935), und seine erste Sinfonie erklingt in der Matthäuskirche Neckarau im Spiel des TonArt-Sinfonieorchesters ebenso süffig wie sehnsuchtsvoll. Denn Halvorsen hat nicht nur bei Lehrer Grieg viel gelernt, sein Blick schweift offenbar auch in Richtung Tschaikowski. Unter dem Dirigat von Knud Jansen, der das ambitionierte Orchester leitet, scheint die Matthäuskirche mit ihrer direkten Akustik fast zu klein für die Klangvorstellungen. Doch das Morgenerwachen im Andante, die aufgeregte Geste zu Beginn oder die stürmische Finalfahrt durch tückische Fjorde nehmen für Musik und Orchester ein. Ein feines Alleinstellungsmerkmal zeichnet den Klangkörper aus: In jeder Arbeitsphase hat ein junger Komponist aus der Klasse von Sidney Corbett Gelegenheit, seine Vorstellungen an den Notwendigkeiten des großen Apparats zu messen. Benjamin Helmer (Jahrgang 1985) splittet im uraufgeführten Siebenminutenstück „Zoom“ das Orchester. In durchdachter, genau kalkulierter Manier setzt er Klangflächen gegen Weckrufe, setzt punktuelle Ausrufezeichen und findet über klar strukturierter Metrik interessante Freiheitsgrade.

Virtuose Händel-Zugabe
Doch auch unsere früheren Meister haben tolle Musik gemacht, ein gewisser Brahms etwa in seinem a- Moll Doppelkonzert. Der Cellist Mathias Johansen verfügt über einen runden, wohlgeformten Ton, während die temperamentvolle Geigerin Teresa Krahnert in den oberen Lagen zuweilen zuspitzt, so dass ein gewisses Ungleichgewicht in der Wiedergabe spürbar wird. Doch das Zusammenspiel mit dem Orchester und die emotionale Zuwendung bleiben positiv haften. Als Zugabe servierten die Solisten eine virtuose Händel-Passacaglia in der Bearbeitung von Halvorsen.

Eckhard Britsch

(Mannheimer Morgen, Fr. 26.07.13)
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