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Es fröstelt schon beim Zuhören

07.02.2018
KLASSIK ORCHESTER TONART SPIELT MUSIK AUS KALTEN REGIONEN

Es fröstelt schon beim Zuhören

Autor: Markus Mertens (mer), Mannheimer Morgen (Link zum Artikel)

Bisweilen kann es faszinierend sein, eher Ungemütliches zu erkunden: die Kälte, negative Gefühle, die dunklen Seiten des Lebens. Auf solch eine Reise nahm nun auch das Heidelberger Tonart-Orchester seine Zuhörer in einer prächtig besetzen Johanniskirche auf dem Lindenhof mit.

Der Klangkörper unter der Leitung von Knud Jansen beweist mit Michail Glinkas Ouvertüre zu „Ein Leben für den Zaren“ puristische Adelstreue und die Musiker gießen den Frost Sibiriens ebenso stilvoll wie brillant in Form.

Noble Zurückhaltung
Da gibt es kein zu lang gezogenes Vibrato, auch die Bäume in Friedrich Smetanas Landschaftswerk „Aus Böhmens Hain und Flur“ sind von spitzen Eiszapfen gesäumt und selbst Peter Tschaikowskys „Kleinrussische“ ergreift in der Interpretation dieses jungen Ensembles kaum die Chance, in folkloristischen Anekdoten zu schwelgen.

Dass es dem Klangkörper trotz allem gelingt, den russischen Ranken eine kühle Pracht abzulocken, beeindruckt – und bereitet die Zuhörer gleichzeitig konsequent auf das Folgende vor. Denn mit dem Concertino für Cello und Orchester lässt der Italiener Domenico Milone nicht nur die Uraufführung des jungen Sidney Corbett-Schülers Alfredo de Vecchis, sondern auch einen apokalyptischen Abgesang auf Industrialisierung und Technologie aufleuchten.

Gleichermaßen von Gustav Holst und Aaron Copland inspiriert, formuliert de Vecchis eine famose Fahrt in den Abgrund. De Vecchis verflicht geradlinige Moll-Dunkelheit mit frierend-aufzuckenden Streicherklängen. Die Reise ins Dunkel wird zu einem erhabenen Erlebnis für all jene, die Neuer Musik oft den Hang zu schroffen Dissonanzen vorwerfen. Und wenngleich die Schönheit dieses Neulingswerks ätherisch erstarrt, ist der formulierte Anspruch erstaunlich: Die Sehnsucht nach der Finsternis zu passionierter Meisterschaft zu führen, scheint das Ansinnen zu sein. Und es gelingt, wie das am Ende jubelnde Publikum beweist.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 07.02.2018

Reich an Stimmungen

03.02.2018
Sinfonieorchester Tonart Heidelberg mit Uraufführung von Alfredo de Vecchis in der Stadthalle

Ein neues Werk, das vor allem durch seine Atmosphäre besticht, ist nicht das schlechteste für einen Kopmponisten. Aflredo de Vecchis, der an der Mannheimer Musikhochschule in der Komositionsklasse von Prof. Sidney Corbett studiert, hat ein gutes Gespür für Stimmungen und ihre Beredsamkeit. Drum schreibt er besonders gerne Musikdramen
Für das Sinfonieorchester Tonart Heidelberg hat er sein "Concertino" für Violoncello und Orchester geschrieben, das nun in der Stadthalle seine Uraufführung fand. Gewünscht hat sich das Werk der Cellist Domenico Milone, der den Solopart spielte. Mit glissandierenden Violinen, Klage - und Seufzermotiven des Orchesters, elegischen Kantilenen des Solo-Cellos beginnt das Werk. Geheimnisvolle Klangflächen des Orchesters verdichten sich in düsterem Aufbrausen, dunkel insistierenden Kulminationen. Subtile, untergründige Spannungen aktivierte Knud Jansen am Pult von Tonart.
Einen feinen und intensiv gesanglichen Ton entwickelte Domenico Milone aus seinem Solopart, gestaltete ebenso klangschön wie beredt auch in den lebhaft kozertierenden Passagen. Reichen Beifall gab es am Ende für den Solisten ebenso wie für den Komponisten, der die orchestrale Klangpalette und moderne Techniken bestens beherrscht.

Slawische Werke vervollständigten das Programm, das mit Glinkas Ouvertüre zu "Ein Leben für den Zaren" begann: schwungvoll und rustikal beherzt spielte das Orchester auf, innig in der Lyrik. Smetanas Tondichtung "Aus Bähmens Hain und Flur" wurde so musiziert wie es gedacht ist: als hymnisch jubelnde Vaterlandshuldigung mit samt Auskosten der Naturschilderungen. Dabei erlebte man klangschönes Tutti, schwungvolle Begeisterung und tänzerisch böhmischen Elan. Dazwischen streifte man sonnenbeschienene Flurlandschaften in lieblicher Lyrik und ließ sich mitreißen in einem krachend zünden Finale.

Deutlich verjüngt ist das Tonart Orchester. Immer noch gut besetzt in allen Registern, nur den Violinen fehlte es bisweilen an Kohärenz. Das fiel besonders auf bei der Tschaikowsky Sinfonie, die es am Ende gab.
Die selten gespielte Zweite in c-Moll ist eine bezaubernde Musik, die man gerne öfters hören möchte. Dabei ist hier der ganze Tschaikowsky schon da, auch tragische Töne werden nicht ausgespart. Die typischen melodischen Wendungen, die seiner Ober "Eugen Onegin" nahestehen, die imitatorischen Motivweitergaben durch einzelne Soloinstrumente, all das hatte hier schon Eingang.
Insistierendes Allegro im Kopfsatz, elegische Hornkantilenen, schwungvolles Tutti: das Tonart-Orchester hatte bestes Faible für diese Klänge. Knud Jansen am Pult verstand es, Spannungen aufzubauen, diese auch im Leisen wirken zu lassen, etwa zwischen dem lakonischen Marschmodus des zweiten Satzes. Ukrainische Volksmusik hat der Komponist hierbei integriert. Ein burleskes, heiter aufgeräumtes Scherzo und ein prächtig triumphales Finale boten Tonart beste Gelegenheit zum Brillieren.

Von Rainer Köhl, RNZ

Brokkoli und Liebeswolken

24.07.2017
Brokkoli und Liebeswolken

Heidelberger Tonart-Orchester mit Raritäten in der Stadthalle

Von Simon Scherer


Für ausgefallene Programme ist das TonArt-Orchester bekannt. Diesmal war es ein besonders bunter Blumenstrauß, der sich passend zur Eröffnung der Neckarorte-Sommerlounge rund ums Wasser drehte.

Zygmunt Noskowskis „Meerauge“ lebt von Momentaufnahmen: Unnahbare Sinneseindrücke, oft verschleiert und beinahe unheimlich, genauso aber auch von unbeschwerter Romantik durch- tränkt. Die Musiker erwiesen sich hierfür klanglich bestens disponiert. Gerade die Streicher vermochten stimmungsvolles Rauschen äußerst filigran zu strukturieren. Ein Traum auch das balsamisch emporschwebende Oboen—Solo. Dirigent Knud Jansen traf exakt die Mitte zwischen waltender Ordnung und ausreichend Freiraum zur Entfaltung solch multipler Tonschichten.

Uraufführungen von Mannheimer Kompositionsstudenten dürfen bei TonArt nicht fehlen, diesmal unter dem Motto, „wie unter Einbeziehung von fremdem Material Eigenes entstehen kann“. Ohne Vorlage war Emanuele Savagnones „Eiskönigin“, instrumental auf dünnstem Eis sich bewegend, ganz am Rande der Klangsubstanz angesiedelt.
Aus kurzen Sentenzen bestand auch Daria Pavlotskavas „Qualm“: Eine sehr bildliche Komposition, verschwommen, verwirrend, verworren. Das Orchester agierte unglaublich sensibel für diese flüchtig hingehauchten Minimalformen.
Gangjoon Parks „Etwas“ ließ mit explosiven Einfällen und scheinbarer Willkür der Fantasie freien Lauf.
In Passivität verharrte Valentin Schaffs „Großes stummes Kind“.
Schwieriger waren die Assoziationen zu Wataru Mukais „Lang gekochtem Brokkoli“, dessen Quietschen und Quengeln mehr einen Menschen mit komplexer Persönlichkeit vermuten ließ.

Es folgten Auszüge aus Tschaikowskys „Schwanensee“, deren Zusammenstellung allerdings allzu komprimiert war, da zwischen den Ohrwürmern jede Überleitung fehlte. Wirkte die Oboe etwas penetrant, hatte die Klarinette die malerische Tongestaltung sofort intus. Auch das Orchester vermochte schlagfertig Hektik zu schüren: Wunderbar. Fürs erste Hauptthema zauberte eine edel tönende Harfe die glitzernde Kulisse, bevor Lieblingsmelodie Nr. 2 maximal in die Breite gedehnt wurde. Absoluter Zusammenhalt zeigte sich im Unisono atmender Streichermelodien.

Höhepunkt war jedoch Ralph Vaughan Williams’ Tuba-Konzert. Famos, wie Echo-Preisträger Andreas Martin Hofmeir in den Tiefen virtuose Läufe herumgeistern ließ. Peppige Unterhaltungskost auf hohem Niveau, die ein enormes Spektrum tubistischer Möglichkeiten offenbarte: von polternden Bässen bis zu wachsweichen Höhen. In elysischen Gefilden stiegen gar Liebeswolken aus Hofmeirs Schalltrichter empor. Ebenso effektvoll seine wirbelnden Triller und verschleifende Phrasen. Genauso begeistert hat im anschließenden Publikumsdialog sein kabarettistisches Talent, das gekrönt war von Telemanns Flöten—Fantasie als Zugabe.

Strahlende Trompeten-Fanfaren eröffneten zuletzt Prokofjews „Begegnung von Wolga und Don“, ein vielseitig schillerndes Poem, das im tosenden Applaus endete.

RNZ 24. Juli 2017

Sinfonieorchester Tonart Heidelberg spielte in der Mannheimer Christuskirche

02.02.2017
Holleber‐Uraufführung: Impressionen der Natur und der Metropole

Naturphänomene in Klang zu fassen, das interessiert die Komponisten immer wieder. Von barocken Sturm‐Vertonungen bis heute sind viele Natur‐Impressionen durch die Partituren geweht, und auch David Holleber wurde von solchen Phänomenen inspiriert zu seinem neuen Orchesterwerk "Wehende Farben". Die Uraufführung war nun beim jüngsten Auftritt des Sinfonieorchesters Tonart Heidelberg in der Mannheimer Christuskirche zu erleben.

Der junge Komponist aus der Kompositionsklasse Prof. Sidney Corbett an der Mannheimer Musikhochschule, der in Heidelberg geboren wurde und auch Pianist ist, hat ein Werk geschrieben, das an vorbeiziehende Wolkenformationen denken lässt. Graue Wolken, die sukzessive ihre Farbe und Konsistenz ändern. Zarte Klänge, Flageoletts und Sekundreibungen intonierte das groß besetzte, bläserreiche Orchester, spinnwebfeine Dissonanzen und verfremdete Bläsertöne eröffneten ruhige Klangprismen.

Sanfte Klagemotive tönten zwischen wohligen Harmonien und stehenden, kreisenden Klängen. Unter der Leitung seines Dirigenten Knud Jansen musizierte Tonart sehr feinsinnig dieses Werk mit seinen offenen Strukturen und fein gestalteten Verdichtungen.

In ein amerikanisches Programm eingebettet war das neue Werk, das freundlichen Publikumsbeifall erhielt. Ein Zeitgenosse von Mahler war Edward Macdowell, aus dessen "Indianischer Suite" Nr. 2 eingangs zwei Sätze zu hören waren. Einen herrlich warmen Klang aktivierte das Orchester, mit edel tönenden Blechbläsern, guten Holzbläsersolisten und geschmeidigen Streichern. Große Elegien, hymnische Bögen wurden klangsatt ausgestaltet, es wurden wechselnde Stimmungen und Bilder zu schönstem Leben gebracht.

Sehr amerikanisch klang danach die sinfonische Skizze "Jubilee" des Spätromantikers George Chadwick: rhythmisch vital, triumphal und voll strotzenden Selbstbewusstseins. Dazwischen hörte man schmiegsam gestaltete Lyrismen, welche die Weite der Prärie erahnen ließen.

"The pleasure dome of Kubla Khan" hieß eine Tondichtung von Charles T. Griffes. Zauberische Farben und Orientalismen, detailreiche Bläser suggerierten eine erotisch aufgeheizte Atmosphäre in diesem Lustschloss, das nicht nur zum Ausruhen diente. Leidenschaften und Action gab es gleichfalls reichlich.

Zum Schluss: Gershwins "Ein Amerikaner in Paris" in einer herrlich aufgeräumten, überaus schwungvoll‐vitalen Wiedergabe. In Hochstimmung brachten das prächtig aufspielende Orchester und sein Dirigent diese Musik, kam die Polyphonie der Töne, Ereignisse, Farben zu bester Wirkung: Der Lärm der Straße, die vital tanzenden, elastisch swingenden Jazzrhythmen ergaben ein sehr lebendiges Bild der Seine‐Metropole. Sehr präzise ertönten die rhythmischen Impulse, das hatte Swing und Drive, und auch der amerikanische Ton, das lässige Schlendern, kam nicht zu kurz.

Copyright © Rhein‐Neckar‐Zeitung 2017 (Rezensent: Rainer Köhl)

Zarathustra auf der Spur

04.08.2015
Fast wie ein Schwesternwerk oder oder eine Studie zur Tondichtung "Also sprach Zarathustra" wirkt der "Feierliche Einzug der Ritte des Johanniter-Ordens" von Richard Strauss. Über ruhigem Paukenwirbel ertönen feierliche Quinten-Signale der Posaunen, die in einem großen Tuttitriumph mit Beckenschlag münden. Das TonArt Orchester begann sein jüngstes Programm in der Heidelberger Stadthalle eben mit dieser Rarität: Herrlich ausgekostet wurde die feierliche Klanglichkeit. Aus ruhigen, wagnerisierenden Harmonien ließ Chefdirigent Knud Jansen die Klänge zu prachtvoll feierlichem Triumph anwachsen.

Keine Uraufführung gab es diesmal, dafür aber interessante Kostbarkeiten. So auch das Trompetenkonzert von Henri Tomasi, das der Franzose 1948 schrieb. Einen feinen Ton entwickelte der Solist Andreas Stickel mit beweglicher Virtuosität. Klanglich erlesen und stimmungsvoll manövrierte er durch die nächtlich gedämpften Gershwin-Sphären, um dann wieder aufgeweckt munter in kapriziöse Spiellust einzuschwenken. Über eine tolle (Repetitions-)Technik verfügt der Solist ebenso wie er feine Nuancen und exquisite Stimmungen zum Tönen brachte, virtuose Signale lustvoll schmetterte.

Muntere Dialoge ging er mit dem Orchester ein, mit dem Xylophon etwa. Blitzsauber bis in die leisen Diskantspitzen blies der junge Solotrompeter der Rheinischen Philharmonie Koblenz, entlockte im Nocturno erlesene Töne mit der gestopften Trompete, eingebungsvoll von der Harfe und sahnigen Streicherharmonien begleitet. Burleske Spielfreude brachte Stickel ins Finale, mit blitzsauber servierten, rasant wirbelnden Linien: ein vergnüglicher Kehraus.

Schwung gab das TonArt Orchester dem begleitenden Part und ebenso der anschließend erklingenden Ouvertüre zu Rimski-Korsakovs "Die Zarenbraut". Hingebungsvolle Lyrismen hörte man daneben, die Violinen aber waren nicht immer präzise im Zusammenspiel. Emphase und romantische Hochstimmung erhielt abschließend Robert Schumanns 3. Sinfonie, die "Rheinische". Schwingende Ländlerseligkeit, glühende Hörner, zu jubelnder Stimmung hochgejazzte Intensität: Knud Jansen machte beste Arbeit mit seinen Musikern.

© Rhein-Neckar-Zeitung, 29.07.2015
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