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Die Mythen dampfen

27.01.2009
Ein rein russisches Programm fuhr das Sinfonieorchester „TonArt“ in der vollbesetzten Neuen Aula der Universität Heidelberg auf, die jährliche Auftragskomposition mit eingeschlossen. Zum zweiten Mal gab das Orchester Olga Magidenko den Auftrag, ein neues Stück zu schreiben: Um den Medea-Stoff kreist seit ein paar Jahren ihr Schaffen, und sinfonische Skizzen aus der Kammeroper „Medea“ hat sie nun für Orchester geschrieben: „Medea und Aigeus“ hieß das Stück, das nun seine begeistert aufgenommene Uraufführung fand.

Vergnüglich beginnt diese Musik, von vitalen Rhythmen belebt uns so, als hätte Gershwin seine Hand im Spiel gehabt. Dann aber kommt doch noch schwer dampfend und schnaubend die Mythologie aus Urzeiten ins Spiel. Der Solo-Posaune als Stellvertreter von Aigeus wird eine besonders exponierte Rolle zuteil: Kreisende Melodien und düster glissandierende Töne sprechen eine beredte Sprache, die Dunkles verheißt. Insbesondere dann, wenn die furios flackernden Signale der Trompete und die geilenden Triller der Holzbläser tumultuöse Verdichtungen in Gang setzen. Kraftvoll wogende Tutti verdichten sich zu großen Ausbrüchen.
Einmal mehr schrieb Magidenko eine sehr gesten- und farbenreiche Musik, vom „TonArt“-Orchester und den reich beschäftigen Schlagwerkern unter der energischen Leitung von Stefan Ottersbach höchst eindrucksvoll umgesetzt.

Begonnen wurde mit Tschaikowskys Klavierkonzert b-moll und das erhielt vom beherzt aufspielenden Orchester all das, was nötig ist: die großzügig ausströmende Romantik, den pastosen Ton und bestes Gespür für Herztöne dieser Musik. Für den Solopart hatte man eine vielversprechende, aus Moskau stammende junge Pianistin verpflichtet: Anna Zassimova nahm dem Kopfsatz etwas von seiner bleischweren Wucht, ohne es an kraftvoll aufgerüttelter Virtuosität fehlen zu lassen. Das eigentliche Ereignis ihres Spiels aber war die tiefe Poesie, die sie in diesen Reißer brachte.

Zum Schluss beide „Romeo und Julia“-Suiten von Prokofjew – mit glühender Emphase und vehementer Schlagkraft.

Rainer Köhl für die Rhein-Neckar-Zeitung am 27.01.2009

Die Musiker sind heiß aufs Spiel

29.07.2008
Sinfonieorchester Tonart Heidelberg mit Uraufführung von Herrmann in der Neuen Aula



Ganz schön gemausert hat sich das Sinfonieorchester Tonart Heidelberg unter seinem neuen Leiter Stefan Ottersbach, wie man beim jüngsten Konzert in der prächtig gefüllten Neuen Aula der Heidelberger Universität erleben konnte. Alles klingt ausgefeilter, professioneller und engagierter in dem Spiel dieses Orchesters. Keine Frage, der junge Dirigent hat beste Arbeit geleistet mit diesem Orchester, das sich auch personell deutlich verbessert hat.
Vergrößert hat es sich gleichfalls: ganze elf Celli und eine großbesetzte Streichergruppe sorgen für einen sehr sonoren, satten Sound. Das beste aber: Diese Musiker sind hochmotiviert, sind heiß aufs Spiel und brennen darauf, mit ihrer Musik zu bewegen. Das war schon eingangs bei Dvoraks 8. Sinfonie G-Dur zu erleben: die starken Schwung und elementare Energie gewann in einem volumenreichen, sehr körperhaften Klang. Eine Wiedergabe, die von hymnischer Kraft, Glut und Feuer reich erfüllt war. So auch im Walzerschwung des ,,Allegretto grazioso“ und erst recht in der gewaltig zündenden Folklore-Verve des Finales. Daneben wurden die Lyrismen hinreißend ausgekostet.

Von lichtkinetischen Objekten des Künstlers Siegfried Albrecht ließ sich Timo Jouko Herrmann inspirieren zu seinem Concertino "L ombre de Dinorah" für Bassklarinette und Orchester. Deren unwirkliche Schönheit und mystische Aura übertrug der junge Komponist sehr eindrucksvoll in Orchesterklänge, die in großen Wellenbewegungen heranfluten. Der konzertierende Charakter wird durch die Solokadenz der Bassklarinette in Gang gesetzt: Ein surrealer Tanz kommt dabei in Fahrt, der auf weitere Soloinstrumente in sparsamer Begleitung übergreift, sich stetig verdichtet, alptraumhafte und burleske Züge gewinnt. Vorbild dazu bildete die Arie der Dinorah "Ombre legère" aus Meyerbeers Oper „Dinorah“, worin die Titelfigur im Wahnsinn mit ihrem Schatten Walzer tanzt. Und auch hier schwingt sich die Tändelei zwischen Solist und Orchester zu einem kräftigen Walzer auf, der zu einem effektvollen Ende führt. Ein raffiniert instrumentiertes Werk, das, von gedankentiefem Beginn ausgehend, so heiter endet. Eine begeistert akklamierte Uraufführung musizierte das Sinfonieorchester Tonart mit dem eloquent sonor gestaltenden Leipziger Bassklarinettisten Volker Hemken.

Zum Schluss: Gershwins „Ein Amerikaner in Paris" in einer herrlich aufgeräumten, überaus schwungvoll-vitalen Wiedergabe. In Hochstimmung brachten das prächtig aufspielende Orchester und sein Dirigent diese Musik, ließ die Polyphonie der Töne, Ereignisse, Farben zu bester Wirkung kommen: den Lärm der Straße, die vital tanzenden, elastisch swingenden Jazzrhythmen. Das alles wurde mit hinreißender Lust musiziert, von wunderbarer Ironie durchmischt, hingebungsvoll in den Lyrismen, genüsslich gleitend in dem schwülen Blues. Wunderbare Bläser, präzise Schlagzeuger und glühende Streicher besorgten ein hedonistisches Klangfest, über dessen Qualität man ebenso staunen wie begeistert sein konnte.
John Williams "Star-Wars-Suite" war eine wunderbar emphatisch musizierte Zugabe.

Rainer Köhl / RNZ


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