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Stilles und fröhliches Totengedenken

09.02.2011
Studierende aus der Kompositionsklasse Prof. Sidney Corbett beauftragt das Sinfonieorchester Tonart Heidelberg in jüngster Zeit mit schöner Regelmäßigkeit zu einer neuen Komposition. Mit "Drei Elegien" von Harold A. Bedoya gelangte einmal mehr faszinierende Musik zur Uraufführung beim jüngsten Konzert in der vollbesetzten Heidelberger Stadthalle. In seinem dreiteiligen Werk hat sich der junge kolumbianische Komponist mit dem Tod auseinandergesetzt. Einem jung verstorbenen Verwandten ist die erste Elegie gewidmet. Ein liebliches Idyll, von schönen Stimmungen und aparten Farbkombinationen durchzogen, aber auch mit indianischen Trommelriten belebt. In Lateinamerika ist der Totenkult ein ganz Besonderer, und Heiterkeit, Fröhlichkeit wird dabei nicht ausgeschlossen. Das war im ersten Stück deutlich zu hören, mehr noch aber in der dritten Elegie, welche dem Gedenken an die namenlosen Toten in kolumbianischen Massengräbern gewidmet ist. Eine Art klingenden magischen Realismus lateinamerikanischer Provenienz entwirft dabei der Komponist. Quirlig burleske Abschnitte wechseln mit dramatisch Aufgewölbtem und ereignisreichen Verdichtungen, in dessen Verlauf sich auch mal ein Marsch à la Mahler auf den Weg macht. Geheimnisvolle Pianissimo-Passagen haben das letzte Wort, und besonders eindringlich wirken die dumpf-leisen "Trommelschläge" des gezupften Kontrabass am Ende: ein stilles Totengedenken. Tiefe Wirkung hinterließ aber auch die zweite Elegie, eine knappe Klage von großer Stille, worin die solistisch hervorgehobene Harfe besonders aparte Aufgaben erfüllt. Eindrucksvoll komponiert und raffiniert orchestriert ist das ganze Werk, wofür der Komponist am Ende lebhaften Beifall erhielt.

Unter der Leitung von Stefan Ottersbach ließ das Sinfonieorchester Tonart eine treffliche Leistung hören und zeigte danach ganz erlesene Klangkunst bei Ottorino Respighis "Fontane di Roma". Dabei imponierte der Klangkörper mit großer Eleganz des Klingens und Gestaltens, mit schmiegsamen Ornamenten der Holzbläsersoli, feinem Duft und exquisit ausgehörten Farbübergängen. Daneben zeigte das Orchester und sein Leiter aber auch bestes Gespür für das Rauschhafte, klangsatt Wogende. Wohlig gerundete, klangsatt orgiastische Tuttiklänge, dazwischen reich gestufte Nuancen und geschmeidige Übergänge besorgten ein höchst eindrucksvolles Klangfest. Wunderbar abschattierte, seidig impressionistische Pianoklänge und exzellente Bläser garantierten ein Klangerlebnis von höchst professionellem Niveau.

Dagegen ging es bei Dvoraks abschließend musizierter 7.Sinfonie eher deftig und rustikal zu und das klang dann längst nicht mehr so ausgefeilt wie zuvor. Ottersbach liebt den dramatischen Zugriff und so gab er auch Beethovens eingangs gespielter "Egmont"-Ouvertüre mächtig Zunder, brachte leidenschaftlich erfüllten Sturm und Drang hinein, großen Schwung mit straffen Tempi.

Über das Feuer der Freiheitsliebe

03.02.2011
Ein prächtiger Spielort und ein ambitionierter Klangkörper. Es passt also zusammen, wenn das Heidelberger Tonart Orchester in der Mannheimer Christuskirche aufspielt und mit bemerkenswerten Qualitäten aufwartet. Rund 100 Musiker, das bedeutet naturgemäß eine massive Klangwirkung bei Bedarf, doch unter Leitung des Gießener Universitätsmusikdirektors Stefan Ottersbach gelingt dem Orchester noch viel mehr: Es kann gestalten.

So gewinnt gleich die einleitende Egmont-Ouvertüre dramatische Schärfung und zupackende Kontur, auf dass Beethovens Idealismus als Feuer der Freiheitsliebe aufblitzen mag. Aber auch Farbspiele beherrscht das Orchester, weil es mit gut ausgebildeten bis semiprofessionellen Musikern besetzt ist. Die ließen mit der Tondichtung "Fontane di Roma" von Ottorino Respighi schillernde Bilder aus Licht und Wasser entstehen, sprühend und gleißend ("Fontane del Tritone"); die "Fontana di Trevi" wurde als musikalischer Triumphbogen des stolzen Rom beeindruckend aufgestellt, wie auch die Holzbläser das Schlussbild zu mildem Ende führten.

Musikalisches Gesellenstück
Als Frucht der Zusammenarbeit mit dem Kompositionslehrer Sidney Corbett erlebten die "Drei Elegien" dessen Schülers Harold A. Bedoya ihre Uraufführung. Der junge Kolumbianer setzt sich mit Tod und Vergebung auseinander; aus kleinteilig-motivischem Material baut er eindringliche Epitaphe. Es ist eine Musik, die den Hörer bedrängt, ihm die Schatten des Seins nahe bringt und es ist vor allem ein beachtliches, etwa 18-minütiges Gesellenstück. Das profilierende Dirigat von Stefan Ottersbach bewährte sich auch in der siebten Sinfonie in d-Moll von Dvorak, die stürmend musikantisch aufblühte. Die Lust am Musizieren mündete im lustvoll aufgeplusterten Elgar-"Pomp" als Zugabe.

Mahler-Häusl bleibt stehen

12.07.2010
Von unserem Mitarbeiter Hans-Günter Fischer

Die berühmte clusterartige Zusammenballung von neun Tönen im Adagio-Satz der zehnten Sinfonie von Mahler ist als psychischer Zusammenbruch gedeutet worden. Wenn nicht gar als Katastrophe: In Ken Russells Mahler-Film fliegt Mahlers "Komponierhäusl" im Südtiroler Toblach in die Luft. Die Inszenierung Stefan Ottersbachs ist nicht so theatralisch, nüchtern diagnostiziert der Dirigent die musikalischen Verläufe. Zuverlässig, zügig. Es gab schon Orchesterleiter, die hier zehn Minuten länger nach Psychosen fahndeten.

Doch Ottersbach erfasst durchaus den Kern dieser Musik, und dass der Anspruch seines Heidelberger "TonArt"-Sinfonieorchesters "nur" ein halb professioneller ist, ist in der Universitäts-Aula in Mannheim bloß bedingt zu hören - wenn etwa die Hörner leicht porös klingen. Die Bläser haben auch bei Jürgen Sting (geboren 1981) einiges zu tun, sogar Bezugspunkte zu Mahler kann der junge Komponist, Student bei Sidney Corbett an der Mannheimer Musikhochschule, nachweisen.

Wie Mahler, der in seinen Sinfonien "durchgeknallte" Militärkapellen aufmarschieren lässt, kennt Sting die Basis: Er ist einst in einem Jugendblasorchester musikalisch aufgewachsen, in Marktoberdorf im Allgäu. Seine "Sinfonia fragile" war zunächst als Bigband-Stück geplant, hat aber dann ein Eigenleben angenommen. Auch wenn sie nicht vollständig in das sinfonische Format hineinwächst - und ein Flickenteppich bleibt.

Sicher strukturierte Lesart

Das alles bringt das "TonArt"-Sinfonieorchester ungeschminkt zum Klingen. Auch die Brahms'schen "Haydn-Variationen" werden einer zuverlässigen, in Tempo und Dynamik sicher strukturierten Lesart unterzogen. Manchmal fehlt es an den leuchtenden Details, aber das Wesentliche tritt nur umso deutlicher hervor. Für Beethovens Tripelkonzert, mit den Solisten des jungen Karlsruher Aramis Trios, gilt dasselbe, mag ihm auch der glühend heiße Sommernachmittag ein wenig schwer im Frackhemd hängen.

Mannheimer Morgen
12. Juli 2010

Ran ans Sinfonische

04.02.2010
Von unserem Mitarbeiter Eckhard Britsch

Wäre die Welt ärmer ohne die Komposition "Messy Tessy" von Kian Geiselbrechtinger, die in der Neuen Aula Heidelberg und später in der Christuskirche Mannheim durch das TonArt-Sinfonieorchester unter Leitung Stefan Ottersbachs das Licht der Welt erblickte? Ein bisschen schon, weil der junge Komponist undogmatisch schreibt, und das ist gut so. Ideologen haben wir genug auf dem Erdball, da freut sich der Hörer über Unverkrampftes, das hier zwar Schwächen hat; Geiselbrechtinger scheint mit dem großen Apparat noch nicht die ideale Klangbalance gefunden zu haben. Doch gefällt, dass seine Musik nicht "mährt", sondern frisch daherkommt.

Erfolgreiche Gesellenprüfung
Geiselbrechtinger, der momentan bei Sidney Corbett in Mannheim studiert, will spürbar kein musikalisches Philosophikum ablegen, sondern Unterhaltung im besten Sinne herstellen. Das dreisätzige Stück nimmt im Kopfsatz Fahrt auf über motorische Impulse und Zitatanspielungen aus der Heavy Metal-Szene. Im langsameren Mittelteil darf ein bisschen kontemplativ gezaudert werden, ehe das Finale ein freches Folkloretänzchen wagt. Heiter, entspannt und ohne Scheuklappen - Irland lässt grüßen. Insgesamt hat er seine Gesellenprüfung unter tätiger Anteilnahme des sehr gut aufgelegten TonArt-Sinfonieorchesters erfolgreich abgelegt.

Stefan Ottersbach hat das Profil dieses ambitionierten Klangkörpers weiter geschärft. Die Musiker wachsen an den großen sinfonischen Projekten. Die Tondichtung "Toteninsel" von Sergej Rachmaninow vermittelte plastisch den dunklen Urgrund eines von der eigenen Psyche Gequälten; die konvulsivischen Momente erfuhren genauen Aufbau, das Lebensgefühl einer Jahrhundertwende emotionale Mitteilsamkeit.

Mit der ersten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch entwickelten Orchester und Dirigent ein weites Panorama kompositorischer Gedanklichkeit zwischen Bindung an Tradition und der Ungeduld eines jungen Feuerkopfes, der seinen Weg sucht und schon gefunden hat. Die technischen Mittel des Orchesters zur Umsetzung waren bemerkenswert fundiert, so dass auch das partielle Pathos klanglich transparent blieb. Sehr viel Beifall im gut besuchten Saal und als zugebendes Dankeschön Schostakowitschs berühmter Musette-Walzer.

Mannheimer Morgen
04. Februar 2010

Aufbruch zur Toteninsel

02.02.2010
Es ist eines der wohl berühmtesten Werke des schweizerischen Malers Arnold Böcklin: Seine "Toteninsel", von der in den Jahren 1880 bis 1886 fünf einander in den zentralen Bildmotiven ähnelnde Versionen entstanden. Aus einem unergründlichen Gewässer ragt eine steile Felswand empor, in die Grabkammern eingelassen sind. Ein Nachen, mit einer weißen Figur bemannt und einen weißen Sarg tragend, nähert sich der Insel. Sollte Böcklin das Bildmotiv der griechischen Mythologie entlehnt haben, handelte es sich um den Bootsführer Charon, der einen Verstorbenen über den Totenfluss Acheron geleitet. So ganz passt die antike Vorlage aber nicht zu dem Bild und so hat das Werk mit jener unheilvoll-geheimnisvollen Aura nicht nur Schriftsteller von Heinrich Mann über Strindberg bis zuletzt Politycki zu Bearbeitungen angeregt.

Auch Komponisten erlagen fasziniert dem Dunkel seiner Mystik. Einer von ihnen war Rachmaninow. Seine sinfonische Dichtung "Die Toteninsel“ gab das Sinfonieorchester TonArt Heidelberg nun zum Besten. Dazu: eine Uraufführung des irisch-deutschen Komponisten Kian Geisselbrechtinger des Titels "Messy Tessy" und Schostakowitschs erste Sinfonie. Ein Programm, das es in sich hatte. Ein gewaltiges Szenario voll sinistren Pathos malte Rachmaninow in seiner sinfonischen Dichtung, in der die Streicher im Verein mit den Holzbläsern sich Tonburgen in gewaltigen Wellen auftürmen ließen. Unter dem Druck der Blechbläser zerbarst dann was in sich zusammenfallen konnte. Lichte Momente umspielten zart schauernd ein melancholisches „Dies irae". Einen zündenden Kontrast hierzu schufen die drei Orchesterstücke "Messy Tessy", deren freudig-lichtvollen Charakter das Orchester in der Persiflage alt-irischer Bardengesänge und der Einflüsse von Heavy-Metal-Bands wie "Metallica" , "Apocalyptica" und "Rammstein“ luftig interpretierte. Die erste Sinfonie. Schostakowitsch verwarf mehr als eine orchestrale Tradition und war für die Spieler eine Herausforderung, der sie sich gerne und durchaus mit Erfolg stellten. Dass ein einfacher Jazzwalzer vom selben Komponisten als Zugabe wie ein Ohrwurm nachklang, war das besondere Verdienst des Dirigenten Stefan Ottersbach, der ganz ausgezeichnete Arbeit leistete.

Astrid Mader, Rhein-Neckar-Zeitung am 02.02.2010
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