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Tonart: Zwischen Detail und Totale

27.06.2013
Wie stark die Mannheimer Musikhochschule vernetzt ist im Kulturleben der Region, wird man umso mehr gewahr, da sie in ihrer Existenz bedroht ist. Das Sinfonieorchester Tonart Heidelberg pflegt seit mehreren Jahren eine sehr fruchtbare Kooperation mit der Kompositionsklasse Prof. Sidney Corbett. Es fördert junge Komponisten damit, dass es neue Orchesterwerke aus deren Werkstatt einstudiert und zur Uraufführung bringt. Eine einmalige Sache, die auf gegenseitiger Sympathie und Wertschätzung beruht und bald wegfallen könnte. Daran erinnerte Benjamin Helmer in seiner Ansprache ans Publikum in der Stadthalle Heidelberg, nach der Uraufführung seines neuen Orchesterwerkes "Zoom".

Unter der Leitung von Knud Jansen musizierte Tonart mit großem Engagement und mit Verve ein höchst spannendes Werk. Es waren ungeheuer energetische, explosive Klänge, die Helmer aus statischen Strukturen hervorschießen lässt. Wie im Werktitel angedeutet, schwenkt und "zoomt" der Komponist zwischen Fern- auf Nahsicht, zwischen großer Totale und Detail. Drum hat er dem Orchester auf der Bühne noch weitere Satelliten-Ensembles im Saal beigesellt: je zwei (mit Holz und Streichern besetzte) Quartette links und rechts, Blechbläser auf der Empore. All diese Gruppen ließ er in konzertierende Aktion treten.

Ein sehr dynamisches, flammendes Werk mit eruptiven Rhythmen und obsessiven Verdichtungen, worin Helmer eine sehr virtuose Beherrschung der zeitgenössischen Klangpalette ebenso zeigt wie bestes Gespür für die Architektur der Klänge. Avancierte Klangflächen und tremolierende Cluster geben den Ton an in dem ereignisreichen Werk, das am Ende begeistert akklamiert wurde.

Der Furor dieses Werkes passte ausgezeichnet zu jenem von Johan Halvorsens 1. Sinfonie, die es am Ende des Abends zu hören gab. Frischer Schwung und stürmender Jubel eröffnen das 1923 uraufgeführte Werk des Norwegers, das in dieser Wiedergabe entsprechend optimistisch befeuert wurde, großen Drive gewann. Eine große Elegie war das Andante: fast hollywoodreif, wenn da nicht vitale Blechakzente und schwungvolle Rhythmen das Geschehen belebten.

Wie sein Landsmann Grieg ist auch Halvorsen einer nationalen Schule verpflichtet, die (im Scherzo) reizende nordische Naturstimmungen ebenso evoziert wie volkstümliche Tonfälle und bezaubernden Tanzschwung hineinbringt. Mystische Stimmungen zu Beginn des Finales mündeten wieder in flammenden Furor, in triumphale und ekstatische Verdichtungen, mit krachenden Schlagzeugeruptionen. Ein farbenreiches Panorama entwickelte Tonart unter dem animierenden Dirigat von Knud Jansen: eine spielerische Lust, welche die häufigen Phasenverschiebungen der Streicher allemal aufwog.

Das Doppelkonzert a-moll op. 102 von Brahms gab es zuvor: Mit Teresa Krahnert (Violine) und Mathias Johansen (Violoncello) hatte man zwei hervorragende junge Solisten verpflichtet, die dem Werk wahrlich nichts schuldig blieben. Saftig hedonistisch musizierend, glühend und voll mitreißender Musizierfreude, herzhaftem Zugriff und Spielwitz: Es war ein Vergnügen, dem Duo und seinem Konzertieren mit dem schwungvoll und reaktionsstark aufspielenden Orchester zuzuhören.

Schön pastos im Klang, brachten die beiden zudem große Emphase und Sehnsucht ins Lyrische. Wie trefflich sie aufeinander eingespielt waren, zeigte auch die lustvoll musizierte Zugabe: Halvorsens Duo-Passacaglia über ein Thema von Händel.

Rainer Köhl

(Rhein-Neckar-Zeitung, 26.07.2013)

Geglückter Dirigentenwechsel

14.02.2013
Knud Jansen leitete das Sinfonieorchester „TonArt Heidelberg“ in der Stadthalle – Programm mit Bekanntem und Unbekanntem

Mit seinem neuen Chefdirigenten Knud Jansen ist dem Heidelberger Sinfonieorchester TonArt offenbar ein echter Glücksgriff gelungen. Der in Stuttgart lebende Norddeutsche überzeugte beim aktuellen Semesterkonzert in der Stadthalle nicht nur als ebenso umsichtiger wie leidenschaftlicher Motivator, sondern setzte auch eindrucksvolle interpretatorische Akzente.
Von bestem Einvernehmen zwischen Jansen und seinem 80-köpfigen Ensemble kündete bereits Wagners erfrischend straff und klar gebotene „Meistersinger“-Ouvertüre, die in ihrer klanglichen Gepflegtheit und Geschlossenheit durchaus höheren Ansprüchen genügte.
Zum besonderen Markenzeichen des ambitionierten Heidelberger Amateurorchesters avancierte in den letzten Jahren die Zusammenarbeit mit der Mannheimer Kompositionsklasse von Sidney
Corbett, aus deren Reihen in den Ton-Art-Konzerten regelmäßig neue Werke zur Uraufführung gebracht werden. Diesmal fiel die Wahl auf das gut zehnminütige Stück „Prosodia Irrationalis“ aus der Feder des 1984 geborenen Griechen Panos Iliopoulos.
Der Titel erinnert an Joshua Steeles 1775 in London erschienene Schrift „Prosodia Rationalis“ und ihren originellen Versuch, die Melodie der Sprache anhand unterschiedlicher prominenter Literaturbeispiele (unter anderem Hamlets Monolog) in ein eigens dafür erfundenes
Notationssystem zu übersetzen.
Iliopoulos ließ sich davon zwar inspirieren, erstrebte aber ausdrücklich keine Vertonung der bei Steele vorkommenden Texte. Ungeachtet dessen ist ihm ein sehr beredtes Werk geglückt, in dem das Orchester tatsächlich als vielgestaltig sprechender Organismus vorgeführt wird – mit verblüffend sicherer Beherrschung des großen Apparats, feinem Sinn für Spannung und ohne selbstverliebte Geschwätzigkeiten oder Effekthaschereien.
Ohne Frage verkörpert Iliopoulis‘ Novität in vielerlei Hinsicht den derzeitigen „state of the art“: Wenn er auf diesem Niveau weitermacht, dürfte er durchaus einmal ein Kandidat für Donaueschingen sein. Engagiertere und aufmerksamere Interpreten als die TonArt-Musiker hätte sich der junge griechische Komponist jedenfalls kaum wünschen können.
Unkonventionelles Repertoireterrain erschloss das vorbildlich abenteuerlustige Orchester auch mit den drei entdeckenswerten
Stimmungsbildern „The White Peacock“, „Clouds“ und „Bacchanale“
des wohl zu Unrecht vergessenen Amerikaners Charles Tomlinson Griffes (1884-1920). Der zwischen französischem Impressionismus und russischer Spätromantik changierende Klangzauber dieser delikat instrumentierten Raritäten kam dank liebevollster Wiedergabe wahrhaft verführerisch zur Geltung – eine Horizonterweiterung par excellence, veredelt durch erlesen schön musizierte Bläsersoli (obenan Oboe und Klarinette).
Uneingeschränkte Begeisterung verdiente erst recht die konzertkrönende Aufführung von Dvoráks Neunter Sinfonie „Aus der Neuen Welt“. Knud Jansen fand mit seinem in allen Instrumentengruppen famos präsenten Ensemble eine wunderbare Mixtur aus Verve und Verinnerlichung, die dem einzigartigen Aufbruchsgeist des Stückes ganz ohne pathetisch-sentimentale Übertreibungen wie selbstverständlich gerecht wurde.
Zu welch außergewöhnlicher Subtilität die TonArt-Truppe fähig ist, zeigte allein schon der berühmte langsame Satz mit seinen ausgefeilten dynamischen Nuancen: Das hört man so feinnervig und beseelt (differenziertes Englischhornsolo inklusive) wohl nur von ganz wenigen Freizeitorchestern vergleichbaren Zuschnitts. Der Schlussbeifall geriet entsprechend enthusiastisch.

Von Klaus Roß
RNZ, 09./10.02.2013

Die Melodie der Sprache

06.02.2013
Klassik: Tonart-Orchester in Mannheims Schlosskirche

von Monika Lanzendörfer

Das Sinfonieorchester Tonart Heidelberg setzt in jeder Spielzeit eine Uraufführung auf sein Programm. Dafür wurde es vom Bundesverband Deutscher Liebhaberorchester ausgezeichnet. Bei der Auswahl der Werke wirkt Sidney Corbett mit, der Kompositionsprofessor an der Musikhochschule Mannheim. Für das Gastspiel in der Schlosskirche wurde der Grieche Panos Iliopoulos ausgesucht; er hat sich schon durch mehrere Beiträge zu regionalen Veranstaltungen und zur Jungen Oper des Nationaltheaters empfohlen.
Die Vorgeschichte seiner Komposition „Prosodia Irrationalis“ reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück; um 1775 entwickelte der englische Phi- lologe und Musikwissenschaftler Joshua Steele eine Notenschrift für die Melodie der Sprache. Hamlets Monolog „Sein oder nicht sein“ gliederte er in Takte und Pausen. Abgewandelte Notenfähnchen bezeichneten das Heben und Senken der Stimme. Darauf bezieht sich die uraufgeführte Komposition. Sie übersetzt die grafischen Zeichen in Monologe für die Trommel oder Trompete; Streicher- oder Bläsergruppen imitieren Volksgemurmel und Tierlaute.

Viele Schattierungen
Das herzlich applaudierende Publikum kann sich leicht einen Reim auf die Klangstudie machen, zumal das Orchester einen breiten Spielraum für Effekte und Tonmalereien in Anspruch nimmt. Stimmungsbilder vieler Schattierungen prägen das ausverkaufte Jubiläumskonzert zum 15-jährigen Bestehen des Tonart-Ensembles. Die impressionistischen Skizzen des Amerikaners Charles Griffes bewegen sich in Debussy- Nähe; das „Bacchanale“ erreicht einen ähnlich hohen Wellengang wie „La mer“.
Den Rahmen bilden zwei Klassiker-Trümpfe: die opulent gefärbte und schwelgerisch ausgebreitete Ouvertüre zu Wagners „Meistersingern“ und Dvoraks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, in der die Fülle sorgfältig erarbeiteter Details und das mitreißende Engagement der Musiker überzeugen. Der neue Dirigent Knud Jansen imponiert bei seinem Mannheimer Debüt durch eine ruhige, auf das Nötigste reduzierte Zeichengebung.

Mannheimer Morgen, 06.02.2013

Gewachsen an der Moderne

21.07.2012
Hardcore-Klassik für ein junges Publikum: Bartók und Brahms mit dem „TonArt-Orchester“ – Solist: Stefan Tarara

Von Matthias Roth

Sinfonik von Bartók und Brahms, und eine gut besuchte Halle mit einem Publikum im Altersdurchschnitt von höchstens 30 Jahren – wo gibt es das? In Heidelberg. Beim TonArt-Orchester. Und kein Rapper oder sonstige Anbiederungen an vermeintlich jugendliche Musikinteressen sind beteiligt gewesen. Im Gegenteil: Harte, anspruchsvolle, romantisch-moderne Kost wurde geboten. Wenn schon, denn schon: Hardcore-Klassik sozusagen. Und bestimmt vier Fünftel unter 30 im Saal. Fantastisch.

Die elend-ewige Diskussion um das (allüberall fehlende!) junge Publikum im klassischen Konzert schien hier keinen zu interessieren. In der Pause wurde heftig um das Werk von Bela Bartók gestritten, fürwahr kein leichter „Brocken“, das zweite Violinkonzert von 1939. Der Komponist schrieb es auf Wunsch und in engem Kontakt zum Geiger der Uraufführung, der es bestellt hatte und der sich ein „klassisches Konzert“ wünschte. Bartók aber wollte lieber Variationen schreiben – also verband er beide Möglichkeiten und schuf mit eigentlich wenig musikalischem Material ein großes Werk von ungefähr einer dreiviertel Stunde Dauer.

Der 1986 in Heidelberg geborene Geiger Stefan Tarara, der inzwischen mit international bekannten Orchestern konzertiert, der zahlreiche Preise gewann, von Zakhar Bron ausgebildet wurde, in Bayreuth lehrt und zugleich in Zürich sein Spiel perfektioniert, warf sich mit ganzer emotionaler Kraft in die Herausforderung und meisterte sie mit musikalischer Fulminanz, genauso aber mit technischer Brillanz und zwingender Verve.

Die Begegnung mit der Moderne scheint im Musikalischen einen ganzen Kerl aus ihm gemacht zu haben, denn vom geigerisch für vollendeten Schöngeiger, als der er in jungen Jahren aufgetreten war, hörte man hier trotz spieltechnischer Bravour kaum noch etwas. Sein Ton hat Kernigkeit, sein Spiel ein großes Arsenal verschiedenster Klangfarben entwickelt, das ausdrucksstark ganz im Sinn des Werkes eingesetzt wird. Hinzu kommen eine absolut saubere Intonation (auch in Vierteltonpassagen) und ein mitreißendes Gespür für Rhythmik. Dabei beherrscht Tarara virtuose ebenso wie expressive Register. Der enthusiastisch umjubelte Geiger verabschiedete sich vom jungen Publikum in der Heidelberger Stadthalle mit zwei Solostücken von Enescu und Bach.

Das TonArt-Orchester, bestehend aus Studierenden und Beschäftigten an der Heidelberger Universität, spielte Bartók unter der Leitung von Hannes Krämer mit erstaunlich guten Einzelleistungen, hätte aber insgesamt etwas impulsiver, dynamisch ausschlagender und klanglich kompakter agieren können. Der Solist konnte sich dennoch vollkommen auf seine Mitmusiker verlassen, die ihn auf Händen trugen. Nichtsdestoweniger fühlte sich der Klangkörper bei Brahms’ Zweiter Sinfonie insgesamt sicherer und geizte hier auch nicht mit klanglichen Reizen. Bemerkenswert waren die Soli von Englischhorn, Harfe oder Klarinette, auch die Gruppe der Hörner oder der Celli und Bratschen hatten bei Brahms wundervoll gesangliche Momente. Auch die übrigen Streicher und Bläser wussten durchaus zu überzeugen.

Die Gewohnheit von „TonArt“, eine Uraufführung (meist von regional verbundenen Komponisten) in ihr Programm aufzunehmen, wurde in diesem Jahr übrigens durch einen außerordentlichen Zwischenfall verhindert: Der gebetene Komponist hatte sich mit dem geschriebenen Stück an einem Wettbewerb beteiligt – und prompt gewonnen! Nun darf das Werk erst im Zusammenhang mit der Preisvergabe öffentlich gespielt werden. Pech! Aber vielleicht lässt sich ja eine Zweitaufführung arrangieren.

Auf gleicher Augenhöhe

18.07.2012
Sie stellten sich als ambitionierte Amateure und Profimusiker vor, die einen Nachfolger für ihren langjährigen Dirigenten Stefan Ottersbach suchten. Sie fanden Hannes Krämer, einen ehemaligen Geiger der Bamberger Symphoniker, der ein glückliches Händchen für die Leitung von Jugendorchestern hat. Krämer steht also während dieser Sommerspielzeit am Pult des Sinfonieorchesters Tonart Heidelberg und ermuntert es zu achtenswerten Hochleistungen.

Das Konzert mit Stefan Tarara als dem Solisten des zweiten Violinkonzerts von Bartók ruft einen überraschend großen Besucherstrom in den Rittersaal des Mannheimer Schlosses, so dass schnell noch Stühle herbeigerollt werden müssen. Der begeisterte Beifall kürt den Heidelberger zum Publikumsliebling. Die Sicherheit seiner Griff- und Bogentechnik hat er ja schon über viele Jahre hinweg bewiesen. Jetzt versetzt sein Klangsinn die Zuhörer in unablässige Anspannung.


Gläserne Gespinste

Tarara setzt seine Violine aufregend variabel ein; er beginnt mit süffiger Fülle und leidenschaftlicher Wärme, um das erste folkloristische Thema einzuführen. Dann weitet er das Ausdrucksspektrum bis hin zu virtuosen, gläsernen Gespinsten aus, die den Schrecken der gewaltsamen Eruptionen schnell vergessen machen. Ein weiteres Plus dieser Begegnung: Solist und Orchester verstehen sich als Partner auf gleicher Augenhöhe; beide reagieren mit genau abgestimmter Intensität aufeinander. Als Zugabe wählt Tarara ein Bach-Adagio zum Meditieren.

Da Hannes Krämer in der zweiten Sinfonie von Brahms die Kräfteverhältnisse zwischen Streichern und Bläsern immer neu reguliert, dunkelt er auch die sanften Farben bis hin zur Gewitterschwärze ein. So erzielt er einen lebendigen Austausch der sensiblen Lyrik mit der aufgeheizten Glut und einer drohenden Gebärde. Die traditionelle Uraufführung fällt dieses Mal aus einem erfreulichen Grund aus. Die Komposition hat einen Wettbewerb gewonnen, darf aber erst im Preisträgerkonzert das Licht der Welt erblicken.


Monika Lanzendörfer
© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 18.07.2012
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